Pinocchio

von Carlo Collodi

Premiere von Theater Lakritz: Bearbeitung von Max Eipp im Theater Moller Haus in Darmstadt

„Das ist das Theater . . . Hier geht es um Macht und Geld und Leidenschaft. Hier lehrt kein Lehrer, hier lehrt das Leben selbst“. So hieß es gestern bei der Premiere von „Pinocchio“ mit dem Theater Lakritz im Theater Mollerhaus.

Drei fahrende Schauspieler (Andreas Konrad, Julia Schlipf und Benjamin Lutz) haben dort ihre Straßenbühne aufgebaut und erzählen die Geschichte von Pinocchio, der zum Leben erwachten Holzpuppe. Das Theater wird zum Rahmen für die Handlung (Bühnenfassung: Max Eipp), die Carlo Collodi vor über 100 Jahren als Zeitungsroman geschrieben hat.

„Habt ihr auch Karten für das magische Marionettentheater?“, fragen die wandernden Schauspieler die Schüler im Zuschauerraum und wedeln mit gelben Eintrittskarten. Die Kinder stürmen auf die Bühne, um sich ihre Tickets zu holen. Ein pädagogisch kluger Zug in der Inszenierung des Regisseurs Björn Lehn, der damit gleich zu Beginn der Aufführung die Aufmerksamkeit sicherte und dem Bedürfnis der Kinder nach Bewegung folgte.

Die kleinen Zuschauer folgten 90 Minuten lang konzentriert dem Stück. Andreas Konrad, Julia Schlipf und Benjamin Lutz haben sich die 17 Nebenrollen aufgeteilt. Herrlich kämpfte Andreas Konrad als Gepetto zu Beginn mit dem widerspenstigen Holzstück, das zum Leben erwacht. Dabei wollte er es so gerne zu einem Tischbein verarbeiten. Das Holzstück spricht, windet sich in seinen Armen bis Gepetto schließlich einlenkt und eine Holzpuppe daraus schnitzt. Natürlich durften die Kinder zuvor fühlen, ob das Holz echt ist. Theater für die Sinne.

Aus einer mit Zeitungspapier beklebten Wand schält sich schließlich in Slapstick-Manier Pinocchio heraus. In Anspielung an Collodi trägt er zudem einen mit Zeitungspapier bedruckten Anzug. Konrad Büttner ist ein wunderbar schlaksiger, neugieriger und naiver Pinocchio, der die Kinder mit auf seine Entdeckungsreisen nimmt. Er will reich werden und zieht in die Welt. Benjamin Lutz als Grille warnt ihn: „Wehe, wehe, wehe“, jault er ständig, „geh’ nach Hause“.

Pinocchio aber kennt die Welt nicht, ist lebenshungrig, will alles selbst ausprobieren. Das wollen Kinder wohl auch. Und so agiert Pinocchio immer auf deren Ebene. „Wir Kinder sind schon arm dran. Immer müssen Erwachsene gleich drohen“, sagt er einmal. Statt in die Schule zu gehen, lässt sich Pinocchio von einem gruselig schmierigen Feuerspucker (Andreas Konrad) ins Marionettentheater locken. „Ins Theater will ich gehn, denn ich will die Welt verstehn“. Die Kinder dürfen dabei mit Pinocchio die Rolle der Zuschauer auf der Bühne spielen – zumindest wenn sie zu Beginn eine der gelben Eintrittskarten ergattert haben. Das Theater soll unterhalten und gleichzeitig Wissen vermitteln.

Dass man zwischen echten und falschen Freunden genau unterscheiden muss, erfahren die Kinder auch mit Pinocchio. Er lässt sich auf Fuchs und Katze (Andreas Konrad und Julia Schlipf) ein, die es auf sein Geld abgesehen haben. Der Wald, in den diese Pinocchio führen, wird mit einfachen Mitteln dargestellt. Benjamin Lutz als Puck sprüht Fichtenduft, verteilt dürres Laub. Die Kinder erzeugen Geräusche von Käuzchen und Wind. Solche inszenierten Umbauten machen die Prozesse einer Theateraufführung transparent.

Als Pinocchio schließlich in die Fänge eines Mörders gerät, wird die Handlung auf der Bühne wieder zur Fiktion. Ein Erzähler (Benjamin Lutz) schaltet sich ein und schreibt mit den Kindern einen Brief an den Autor Carlo Collodi. Darin wünschen sie sich, dass Pinocchio wieder aufsteht. Das schafft Distanz zum fast grausigen Geschehen auf der Bühne. „Wir müssen uns das ganz fest wünschen. Wenn viele etwas gemeinsam wollen, dann nutzt das manchmal etwas.“ Pinocchio wird natürlich gerettet.

Artikel des Darmstadtädter Echos vom 06. Oktober 2005 (Carolin Neubauer)

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